D D → P R G: Durs Grünbein

22.11.2017

© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Klemens Renner

In Rahmen des Deutsch-tschechischen Kulturfrühlings 2017 feiern die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Nationalgalerie Prag ihre neue Kooperation mit einem Kulturprogramm auf der Bahnstrecke zwischen Dresden und Prag.

An mehreren Terminen in diesem Winter haben Kulturschaffende aus Tschechien und Deutschland den Eurocity-Zug der Tschechischen Bahngesellschaft České dráhy und der Deutschen Bahn zwischen Prag und Dresden als mobile Spielstätte genutzt. Der "Kulturzug Praha - Dresden // Dresden - Praha" fährt zweimal von Dresden nach Prag und zweimal in die entgegengesetzte Richtung. Bei der ersten Reise am 4.11.2017 um 14:30 konnten die Passagiere eine Lesung von Durs Grünbein und anschließend ein Gespräch zwischen Durs Grünbein und Berthold Franke verfolgen.


Kulturzug Durs Grünbein

Es ist eine kleine, schon auf dem Bahnsteig in intensive Gespräche verwickelte Gesellschaft, die am Nachmittag des 4. November den Kulturzug von Dresden nach Prag besteigt. Ein langer Wagon, in Dreierreihen bestuhlt, ist schnell bis auf den letzten Platz gefüllt, vorne ein Tisch für Dichter und Moderator, der Gang hinter ihnen führt weiter zum Buffet, wo Erfrischungen warten. Noch bevor man sich umständlich auf ein Procedere einigen konnte, setzt sich der Zug in Bewegung, verlässt den Dresdner Hauptbahnhof in Richtung Süden.

Gleich anfangen! Denn in seinem Buch "Die Jahre im Zoo" hat Durs Grünbein eine große, programmatische Passage diesem Bahnhof gewidmet, einem steinern-metallenem Bauwerk, in dem sich die Geschichte der Stadt mit der Biographie des Autors immer wieder kreuzt. Draußen fliegt die Landschaft vorbei, Dresden liegt rasch hinter uns, und die Eisenbahnlinie schmiegt sich an den Flusslauf der Elbe. Durchs Elbsandsteingebirge geht es, eine der landschaftlich reizvollsten Eisenbahnlinien weit und breit. Halt in Bad Schandau, und schon sind wir in Tschechien. Grünbein liest aus seinem biographisch-historischen Buch, das Erinnerungen, Fotographien, Verse und verschiedenen Autorenperspektiven kritisch kombiniert.


Das Gespräch geht über eine Kindheit in der DDR, zugleich über die Untiefen des Erinnerns und folgt dann wieder ganz direkten Assoziationen. Hierher, in die Elbestadt Usti nad Labem, einstmals Aussig, war der Teenager Grünbein in den 80er Jahren schon einmal gekommen - mit dem Freund radelnd auf einem Tandem. Der Zielort Prag, die Stadt, die er schon vor der Wende mehrfach bereiste, ist ein weiteres Thema. Dorthin fallen prägende literarische Entdeckungen, Kafka natürlich, aber auch der Prager Autor Paul Adler, der Jahre seines Lebens, bevor er als Jude dort nicht mehr sicher war, in Hellerau verbrachte, jener kleinen Künstler-Vorstadt von Dresden, in der Grünbein 40 Jahre später seine Jugend verbracht hat. Der Zug saust durch Böhmen, die Blicke richten sich nach innen, konzentrieren sich auf den im Schein der Leselampe sitzenden Poeten, der mit sichtbarem Vergnügen nun aus seinem neuen Gedichtband "Zündkerzen" vorträgt. Es ist dunkel geworden, die Fenster schwarz, Stadt-, Straßen- und Autolichter blitzen vorbei. Eine wunderliche Behaglichkeit stellt sich ein. Diesem Dichter könnte man noch lange lauschen. Die Idee flammt auf: einfach nach Budapest durchfahren, das wäre es!


Geht natürlich nicht. Durch den Lautsprecher dringt die Ansage "Praha-Holesovice", gleich sind wir am Ziel "Hlavni Nadrazi", wo sich auf dem Bahnsteig eine für zweieinhalb Stunden aus Zeit und Raum gefallene Reisegesellschaft erstaunt die Augen reibt.

© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto Klemens Renner 

Text: Berthold Franke