DD → PRG: Anna Mateur

07.12.2017

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Nationalgalerie Prag feiern ihre neue Kooperation mit einem Kulturprogramm auf der Bahnstrecke zwischen Dresden und Prag. An vier Terminen in diesem Winter werden Kulturschaffende aus Tschechien und Deutschland den Eurocity-Zug der Tschechischen Bahngesellschaft České dráhy und der Deutschen Bahn zwischen Prag und Dresden als mobile Spielstätte nutzen. Der "Kulturzug Praha - Dresden // Dresden - Praha" ist zweimal von Dresden nach Prag und zweimal in die entgegengesetzte Richtung unterwegs.

Freitag, 1. Dezember 2017, 14:30 Uhr. Am Bahnhof herrscht geschäftiges Treiben, man merkt, dass es Freitag ist. Pendler, Heimfahrer und Weihnachtsmarktbesucher tummeln sich an den Gleisen. Und mittendrin fährt pünktlich zum Auftakt der Weihnachtssaison der zweite Kulturzug von Dresden nach Prag. An Bord ist die Dresdner Sängerin, Texterin, Schauspielerin und Zeichnerin Anna Mateur. Anna Mateur (eigentlich Anna-Maria Scholz) studierte Musik in Dresden und tourt seit vielen Jahren im deutschsprachigen Raum. Im Kulturzug wird sie als "Orakelmateur" auftreten.

Anna steigt als Erste ein, es muss noch ein kurzer Soundcheck gemacht werden. Die Künstlerin sitzt an einem Tisch in der Mitte des Konferenzwaggons, das Publikum um sie herum. Die Stimmung ist erwartungsvoll, man fragt sich: Ist das noch der Soundcheck oder schon Teil des Programms? So wie Anna mit den Gästen interagiert, kann man nie wirklich sicher sein. Kurz darauf rollt der Zug aus dem Dresdner Hauptbahnhof. Nun kann es endlich richtig losgehen!

Das Programm beginnt mit Annas selbst verfassten Texten, in denen sie vor allem die Kindheit, das Schulsystem und die Gesellschaft zu Zeiten der DDR reflektiert. Der Auftritt entspricht jedoch nicht einer klassischen Lesung - die Künstlerin unterbricht sich gern selbst, um eine passende Anekdote zu erzählen, eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen oder dem Publikum die Gelegenheit zu geben, ihre Gedanken zu ergänzen. Ein immer wiederkehrendes Thema ist dabei die Balance von Chaos und Ordnung. Wie viel Ordnung ist gut? Wo ist kreatives Chaos nötig? Anna als "Chaoshüterin" würde sich von Letzterem auf jeden Fall etwas mehr in dieser Welt wünschen.

Draußen ist es schnell dunkel geworden. Bleibt also mehr Zeit, sich auf das zu konzentrieren, was im Zug passiert, ohne sich von der vorbeirasenden Kulisse ablenken zu lassen. Nach einer kurzen Pause beginnt das Highlight der Fahrt. Anna hat selbstgezeichnete Tarot-Karten mitgebracht, wer sich traut, kann sich von ihr in die Zukunft schauen lassen. Der erste Freiwillige ist schnell gefunden.

Mittlerweile hat Anna ihr Mikrofon ausgeschaltet. Das gedimmte, rötliche Licht versprüht Heimeligkeit. In entspannter Atmosphäre setzen sich die Gäste nach und nach zu Anna an den Tisch. Unter großem Gelächter legt die Künstlerin ihre Karten und erklärt, was u.a. "Papperlapapp", "Tote Oma", "Dawaii" oder "Patchwork" für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Reisenden bedeuten. Einige der Gäste sind aufgestanden, um ganz nah an Anna und den Tisch heranzutreten. Soll der Ton wieder eingeschaltet werden? Nein, bloß nicht! So wie es jetzt ist, ist es perfekt.

Nach etwa zweieinhalb Stunden nähert sich der Zug langsam Praha Hlavni Nadrazi. Bis zur letzten Minute herrscht keine Aufbruchsstimmung. Viel lieber würde man sitzen bleiben, Annas Geschichten lauschen und davon träumen, was einen in der Zukunft erwartet.


Verfasserin

Dana Korzuschek, Projektkoordinatorin Internationale Beziehungen, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Fotos

© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Fotos: Klemens Renner