De_tsch ist zeitlos

29.06.2017

Einige Frühlingsmonate lang konnte De_tsch vieles in den Griff bekommen, nur den Regen nicht. Einige Tage nach einer regnerischen Eröffnung in Liberec erwartete uns eine temperaturmäßig unterkühlter Abschluss in Prag, wo sich der Regen unter die gemischten Gefühle der Veranstalter mengte. Wie der Leiter des Goethe-Instituts, Dr. Berthold Franke, bereits bei seiner Eröffnungsrede anmerkte, sind am Ende des Kulturfrühlings alle Mitglieder des Organisationsteams erschöpft, aber glücklich. Sollten wir die vergangenen Monate rein quantitativ bewerten, würden wir bei der Anzahl der Veranstaltungen bereits in die Kategorie "unzählbar" kommen. Das größte Ereignis in Prag, das noch die gesamten Ferien über andauert, ist die Ausstellung Gerhard Richters, der Prag auch Ehre eines persönlichen Besuchs erwiesen hat. Mehrmals am Abend war der Terminus "größter lebender Künstler" zu hören, was schon für sich geradewegs eine Einladung zur Ausstellung Richters ist. Der Sommer fordert zudem geradezu dazu auf, Liebe mit Kunst und Reisefieber zu verbinden - Gerhard Richter stellt bis Ende August auch im Dresdner Albertinum aus, wo gegenwärtig seine neuesten Werke zu sehen sind.

Dem eigentlichen Gartenfest ging ein Vormittag an der Deutschen Botschaft voraus, wo sich alle persönlich trafen, die am diesjährigen Frühlingsprogramm mitgewirkt haben. An einem einzigen Ort waren nun endlich alle versammelt, dank derer die Kulturszene auch in Städten auflebt, die primär für ihre Industrie (Ostrava oder Ústí nad Labem), Universität (Olomouc) oder Sport (Liberec) stehen. Hier wurde auf den ersten Blick klar, dass das gegenwärtige Geschehen in den tschechischen Städten auf bedeutende Weise von jungen Menschen beeinflusst wird, die Erfahrungen oft bei konkreten Tätigkeiten sammeln und Strukturen in Bewegung bringen, die bisher vollkommen statisch waren. Zudem hat sich gezeigt, dass tatsächlich einige wenige Monate ausreichen, um jemanden lieb zu gewinnen und den Kontakt auch zu halten, nachdem alle vom Frühlingscamp nach Hause zurückgekehrt sind.

Auch wenn das abschließende Gartenfest für einen der ersten Sommertage geplant war, stand für alle nur die Frage im Vordergrund, wie man sich am besten aufwärmen könnte. Es waren keine De_tsch-Decken für die Besucher vorbereitet und so kam die Zeit für einen Espresso-Martini, dessen integraler Bestandteil VoD(e_tsch)ka war. Den Kaffee bereitete der geistige Vater der fahrenden Rixbox, Hossein Eggebrecht. Dieser schaute zum letzten Mal seinen beiden Lehrlingen auf die Finger, Jakub und Bára, die heute erzählen können, wie schwer die Arbeit in der Gastronomie ist, wenn auch versteckt in einem süßen und minzefarbenen Wohnwagen, und wie es ist, mit Berliner Kaffee durch tschechische Städte zu touren. Neben dem Kaffee haben sie gelernt Chili zu kochen, also eine echte Erfahrung. Und auch wenn Sie Jakub statt mit Schürze sonst eher auf der Bühne mit seiner Band Cold Cold Nights sehen werden, haben Sie keine Angst, seine Einladung zum Kaffee anzunehmen!

Zur Erwärmung der anderen Sinne war ein musikalisches Programm vorbereitet, das seine Zuhörer schrittweise in neue Rhythmen und den kalten Körper in Bewegung brachte. Zuerst trat der Sängerchor Úštěk auf, der auf der Bühne durch Hund Lucky begleitet wurde, wohl damit dass Konzert glücklich und ohne ein einziges Bellen verlaufen konnte. Es folgte ein Auftritt von Doreen Kutzke, die durch ihre moderne Kombination aus Singen und Jodeln überraschte. Die Multi-Genre-Künstlerin, die sogar eine Jodelschule in Berlin-Kreuzberg geleitet hat, sang dieses Mal auf Englisch und neben eigenen Lieblingsliedern coverte sie auch Lieder von Sylvie Plathová. Zu dem Zeitpunkt, als die Mitarbeiter des Goethe-Instituts auf die Helium-Ballons abflogen, stand die Black Jazz Band von Josef Fečo auf der Bühne, der dieses Mal von der Berliner Sängerin Michelle Palka begleitet wurde. Einer der eindrücklichsten Momente war das Duett mit Erika Fečová, ein geglücktes Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Frauen und Musikrichtungen. Der Abschluss des Abends gehörte Mo Loschelder, die als eine der Schlüsselfiguren der Berliner Elektroszene der 90er gilt. Mo ist nicht nur eine berühmte DJane, sondern auch Malerin und eine der Schülerinnen Gerhard Richters, womit wir an den Anfang dieses Textes zurückkehren. Wie würden Sie selbst den größten lebenden Künstler ausmachen wollen?

Autorin: Barbora Langmajerová