Verspieltes Ústí

11.05.2017

Zu einem ungewöhnlichen Zentrum des Geschehens wurde in Ústí nad Labem eine Baulücke in der Fußgängerzone an der Masaryk-Allee. Diese hatte das mobile Architektenbüro MAK! für eine sanfte Intervention ausgewählt, d. h. Adam Wlazel und Kateřina Vídenová, die auf dem tristen Platz zwischen Plattenbauten einen Kinderspielplatz errichteten. Sie waren damit aber nicht allein, beim Aufbau der hölzernen Ausstattung haben die Kinder selbst mitgeholfen. Die Lücke war auch vorher schon ihr Spielplatz, als es hier noch keine einzige Schaukel oder Bank gab. Von nun an haben sie einen Ort zum Spielen, der sich innerhalb weniger Tage nach ihren Vorstellungen verändert hat.

Als ich das erste Mal an einem Freitagnachmittag auf den Spielplatz kam, standen hier schon die Schaukeln, das Fußballtor und ein Klettergerüst, das ein Objekt vor dem Kino Hraničář erinnert, das allerdings nicht zum Sitzen und erst recht nicht zum Klettern gedacht ist. Als die Kinder gerade nicht damit beschäftigt waren, die Möglichkeiten der neuen Spielgeräte auszuprobieren, rannten sie durch die Gegend und riefen: "Adam, Adam, schau mal!" Aufgabe der Architekten war nicht nur, Aufgaben zu verteilen und bei deren Realisierung zur Seite zu stehen, sondern auch gute Arbeit zu loben und zum weiteren Schaffen zu motivieren. Zum Beispiel zum Zusammenbau eigener Hindernisse für einen Stadt-Parcours, der zum Zeitvertreib der Jungs geworden war, als es hier zum Spielen noch nichts anderes gab als den blanken gepflasterten Platz. Jetzt aber haben die Kinder, die auch heute hören, wenn es heißt: "Geht raus zum Spielen," Pinsel, Farbdosen oder eine Bohrmaschine in die Hand genommen und bei der Kultivierung der leeren Fläche geholfen, die direkt bei ihnen vorm Haus liegt.

Während Kateřina und Adam ein Fußballfeld und ein hüpfendes Männchen aufgemalt haben, nahm sich der Filmkünstler Milan Plešinger einer farbenfroheren Gestaltung des Platzes an. Umliegende leere Flächen wurden zu seiner Leinwand, ohne Rücksicht auf deren Form oder Oberfläche. Schließlich fehlte es nicht an Malerhänden, sondern eher an Pinseln, von denen es immer ein bisschen weniger gab als kleine Künstler. Die Erwachseneren von uns haben so im Namen des Weltfriedens ihre Ansprüche aufgegeben, sich in die Geschichte dieses Ortes einzuschreiben und gaben dem Berliner Kaffee aus der Rixbox Vorrang. Die Besatzung des minzgrünen Wohnwagens hatte für die warmen Frühlingstage zudem Apfellimo mit Pfefferminze vorbereitet, die sie mit Erfolg an den Erwachsenen und auch den Kindern ausprobierte. Wenn Sie das nächste Mal an der Rixbox vorbeikommen, können Sie ausprobieren, wie viel kindliche Herzigkeit in Ihnen steckt und mit den Worten: "Ich möchte trinken, bitte!" bestellen.

Die Arbeit und das Gezerre um einen Pinsel sind aber mit Humor zu nehmen. Der Samstagabend gehörte dann der Projektion von "Fack ju, Göhte", der auf witzige Weise die Atmosphäre des gesamten Wochenendes ergänzte. Die eigenwillige Persönlichkeit des falschen Lehrers erinnerte in Manchem an Adam Wlazel, der zum Glück allerdings weder eine Paintball-Gun, noch andere barsche Zwangsmaßnahmen gegen die Kinder eingesetzt hat. Als erwachsene Aufsichtspersonen haben wir im Gegenteil unsere Bonbons mit den Kindern geteilt und uns um die Weitergabe einer Prise Lebensweisheit bemüht: "Wenn ihr fleißig lernt, könnt ihr später am Goethe-Institut arbeiten und für das Schauen von Filmen bezahlt werden." Im Flüsterton fand auch so etwas wie ein Gespräch unter Mädels statt, auch wenn der Altersunterschied der daran Beteiligten bei mindestens zwei Jahrzehnten lag: "Sie wollte ihm gerade einen Kuss geben, oder?" - "Aber er hat doch gerade gebrochen." - "Pfuuui!"

Eine Entschädigung für den sonntäglichen Schaukelbau war eine Vorstellung des Theaterensembles "Krabice" aus Teplice am Nachmittag. Das Stück hieß "Vlk a ovce běží z kopce" - "Wolf und Schaf laufen vom Hügel". Dabei verzog sich gerade ein finsteres Gewitter aus Ústí, die Sonnenstrahlen trockneten die neuen Holzbänke und die Zuschauer jeder Altersgruppe konnten sich wieder in der Sonne aufwärmen als wäre nichts passiert. Ältere Zuschauer freuen sich vielleicht, wie spontan und freudig die Kinder auf die Theatervorstellung reagiert haben und das bei einer ganz minimalistischen Inszenierung, wo von Spezialeffekten nicht die Rede sein konnte. Denn auch so ließen sich die kleinen Zuschauer mitreißen von den Liedern von Schaf und Wolf und wandelten sich in eine Gruppe lauter Jäger, als das Happy End dies erforderte. Der gesamten Szenerie schauten erfreut auch die Erwachsenen zu, die so tun konnten, als würden sie ihre Abkömmlinge beaufsichtigen. Währenddessen lachten sie leise über den Wolf, der dem Schaf erklärte, dass er Obst fresse.

Die Liebe zu einem traditionellen Medium versuchte auch die Nordböhmische wissenschaftliche Bibliothek in den Kindern zu wecken, die auf dem Spielplatz ein Zelt aufgebaut hatte, wo man lesen und kleine Buttons herstellen konnte. Das Gezerre um die Pinsel wurde durch freundschaftliche Absprachen ersetzt, als es an die Schere und Zeitschriften mit Bildern von Superhelden und weiteren Motiven ging, die man sich gerne an den Pulli heftet. Im Laufe einiger Tage hat sich so eine grau Baulücke in den Händen von MAK! in einen Ort verwandelt, wo sich in kindlichen Keilereien die nachmittägliche Langeweile und sonntäglichen Spleens austragen. Was Goethe neckt, das liebt er.

Autorin: Barbora Langmajerová